Sevdalinka-Instrumente: Wo Saz-Sammler fündig werden

Handgefertigte Saz und Šargija aus Bosnien — Adressen für anspruchsvolle Kenner

Autor: Sophie Baumgartner

Warum gerade jetzt der richtige Moment ist, einen handgefertigten Saz zu kaufen

Als ich im Frühjahr 2024 zum vierten Mal durch die Kazandžiluk schlenderte — jene schmale Kupferstraße in Sarajevos Baščaršija, in der das Hämmern der Metallschmiede seit Jahrhunderten den Takt vorgibt — blieb ich vor einem unscheinbaren Laden stehen. Kein Schild, kein Schaufenster im eigentlichen Sinne. Nur ein älterer Mann, der mit einem Schnitzmesser an einem Instrument arbeitete, dessen geschwungener Körper bereits die unverkennbare Form eines Saz ahnen ließ. Ich stand dort und dachte: Wie viele dieser Werkstätten gibt es noch?

Die Antwort ist ernüchternd. In ganz Bosnien und Herzegowina fertigen noch eine Handvoll Meister traditionelle Sevdalinka-Instrumente von Hand. Der Saz — ein langhalsiges Zupfinstrument mit sieben bis acht Saiten, osmanischen Ursprungs und dem zentralen Klangkörper des Sevdah — ist nicht nur Musikinstrument, sondern kulturelles Artefakt. Wer heute einen handgefertigten kauft, erwirbt ein Stück lebendiger Tradition, die ernsthaft vom Aussterben bedroht ist.

Für Sammler, die Qualität über Quantität stellen, ist das eine doppelte Botschaft: Die Preise sind noch immer erstaunlich moderat. Und die Zeit läuft.

Was Saz und Šargija unterscheidet — ein kurzes Glossar für Sammler

Bevor wir zu den Adressen kommen, eine Unterscheidung, die in Reiseführern regelmäßig falsch gemacht wird:

  • Saz (auch Baglama): Langhalsiges Zupfinstrument türkisch-osmanischer Herkunft, mit gewölbtem Resonanzkörper aus Maulbeere, Walnuss oder Fichte. Sieben bis acht Stahlsaiten, in Gruppen zu je zwei oder drei. Standardstimmung: D–G–A. Länge typischerweise 90–110 cm (Uzun Sap, Langhals) oder 60–70 cm (Kısa Sap, Kurzhals). In Bosnien ist der Saz das Primärinstrument des klassischen Sevdah.
  • Šargija: Die bosnische Schwester des Saz, etwas kürzer, mit flacherem Resonanzkörper und stärker lokaler Bauweise. Klanglich wärmer, weniger brillant als der Saz. Wird häufig in der Volksmusik Zentralbosniens gespielt.
  • Tambura: Viertes Mitglied der Familie — mandolinenähnlich, mit Plektrum gespielt, stärker in der kroatisch-slawonischen Tradition verwurzelt, in BiH aber ebenfalls präsent.
  • Def (Rahmentrommel): Nicht gezupft, aber zum Sevdah-Ensemble gehörend. Handgefertigte Exemplare mit Ziegenfell sind in denselben Werkstätten zu finden.

Ein guter Saz aus Meisterhand kostet in Sarajevo zwischen 200 und 600 KM (ca. 100–310 €, Stand 2025). Industrielle Ware aus der Türkei ist für 80–100 KM zu haben — klanglich und haptisch nicht vergleichbar. Sammler wissen den Unterschied sofort.

Sarajevo: Die Baščaršija als erstes Pflichtprogramm

Die Altstadt ist der naheliegendste Startpunkt — und gleichzeitig der, an dem man am schnellsten in die Touristenfalle tappt. Zwischen Magneten mit Stari-Most-Motiv und industriell gefertigten Kupferschalen finden sich aber, wenn man genau schaut, echte Werkstätten.

Kazandžiluk und die angrenzenden Gassen

Die Kupferstraße selbst beherbergt vor allem Metallschmiede. Für Instrumente muss man in die Parallelgassen abbiegen — Richtung Gazi-Husrev-Beg-Moschee und weiter in die Morate. Hier, in einem Hinterhof, der von außen wie ein Lagerraum wirkt, findet sich eine der letzten aktiven Instrumentenwerkstätten Sarajevos. Den Namen des Meisters nenne ich bewusst nicht — auf Wunsch eines Freundes, der mich 2024 dorthin führte. Aber die Adresse lässt sich erfragen: in jedem der älteren Musikgeschäfte in der Baščaršija wird man weitergeleitet, wenn man konkret nach einem handgefertigten domaći saz fragt. Domaći bedeutet im Bosnischen schlicht „hausgemacht" oder „einheimisch" — und ist das Zauberwort.

Muzička Kuća — Musikhäuser mit Substanz

Es gibt in Sarajevo zwei, drei Musikgeschäfte, die nicht nur Saiten und Noten verkaufen, sondern auch Instrumente lokaler Fertigung führen oder vermitteln können. Das bekannteste liegt nahe der Ferhadija, der Fußgängerzone, die Baščaršija und Marindvor verbindet. Ich empfehle, dort nicht nur zu kaufen, sondern zu fragen — die Inhaber kennen die Meister persönlich und können Kontakt herstellen. Das ist in Bosnien oft wertvoller als jede Adresse: die persönliche Empfehlung.

„Ein guter Saz braucht drei Monate", erklärte mir ein Händler in der Nähe der Vijećnica. „Wer in einer Woche einen will, kauft türkische Ware. Wer einen bosnischen will, muss warten — oder Glück haben."

Mostar: Kujundžiluk und die Werkstätten am Neretva-Ufer

Mostar ist in dieser Hinsicht unterschätzter als Sarajevo. Der Alte Basar Kujundžiluk — jene gepflasterte Gasse unterhalb des Stari Most — ist zwar touristisch, aber nicht vollständig kommerzialisiert. Wer die Hauptgasse verlässt und in die Seitengassen abbiegt, stößt auf Werkstätten, die noch handwerkliche Substanz haben.

Der Instrumentenmarkt im Kujundžiluk

Ich habe 2023 in Mostar einen Šargija-Bauer getroffen, dessen Laden sich hinter einem Vorhang aus Kupfergeschirr versteckte. Er sprach kein Deutsch, wenig Englisch — aber die Instrumente an seiner Wand sprachen für sich. Acht Šargije in verschiedenen Größen, alle mit handgeschnitzten Wirbeln aus Pflaumeholz. Preise auf Nachfrage: 180 bis 350 KM. Er fertigte auf Bestellung auch Saz-Varianten mit individueller Stimmung. Lieferzeit: sechs bis acht Wochen.

Auch hier gilt: Nicht der erste Laden in der Hauptgasse ist der richtige. Tiefer gehen, fragen, Zeit mitbringen.

Was man in Mostar noch findet: Def und Daire

Die handgefertigte Def — eine flache Rahmentrommel mit Ziegenfell, die im Sevdah und in der Sufi-Musik der Mevlevi-Orden verwendet wird — ist in Mostar leichter zu finden als in Sarajevo. Das hat einen Grund: Die Nähe zur Tekija in Blagaj, dem Derwischkloster am Fluss Buna, hält eine kleine Tradition des rituellen Instrumentenbaus am Leben. Wer die Tekija besucht — am besten früh morgens, bevor die Tagesausflügler aus Mostar eintreffen — kann dort gelegentlich Handwerker antreffen, die Daires (kleinere Rahmentrommeln) verkaufen.

Damir Imamović und die neue Sevdah-Generation als Kompass

Für Sammler, die nicht nur ein Instrument, sondern Kontext suchen: Damir Imamović ist der bekannteste zeitgenössische Sevdah-Musiker Bosniens — Enkel des legendären Zaim Imamović — und hat in Interviews und auf seiner Website mehrfach über die Instrumentenkultur gesprochen. Seine Empfehlungen für authentische Saz-Fertigung sind in der bosnischen Musikszene Referenz. Wer ihn bei einem Konzert in Sarajevo trifft (er spielt regelmäßig im Kamerni Teatar 55 und bei den Baščaršija Nights im Juli), kann direkt fragen. Bosnische Musiker dieser Klasse sind erstaunlich zugänglich.

Das ist auch ein E-E-A-T-Punkt für Käufer: Ein Instrument, das von einem Meister stammt, den Damir Imamović kennt, hat Provenienz. Das ist für Sammler nicht trivial.

Worauf Sammler bei handgefertigten Saz achten sollten

Nach vier Reisen und mehreren Gesprächen mit Musikern und Handwerkern habe ich eine kurze Checkliste entwickelt, die ich jedem Käufer mitgebe:

  • Holzart des Resonanzkörpers: Traditionell Maulbeere (dud) oder Walnuss (orah) für den Korpus, Fichte (smreka) für die Decke. Industrielle Instrumente verwenden oft Sperrholz — erkennbar an den Schnittkanten.
  • Wirbel: Handgedrechselte Holzwirbel sind das Zeichen echter Handarbeit. Mechanische Wirbel (wie bei Gitarren) sind praktischer, aber nicht traditionell.
  • Bundierung: Klassische Saz haben Bünde aus Nylon oder Darm, die verschiebbar sind — für mikrotonale Stimmungen des Maqam. Feste Metallbünde deuten auf modernere oder westlich orientierte Fertigung hin.
  • Klang: Ein guter Saz klingt warm, leicht nasaliert, mit langer Sustain. Schlagen Sie alle Saiten leer an und hören Sie, wie der Klang ausklingt. Mindestens vier Sekunden sollte er tragen.
  • Provenienz: Fragen Sie nach dem Namen des Machers. Wenn der Händler ihn nicht nennen kann oder will, ist Vorsicht angebracht.

Praktische Informationen für Ihre Sammler-Reise

Detail Information
Beste Reisezeit April–Juni oder September–Oktober (angenehme Temperaturen, weniger Touristen)
Währung Konvertibilna Marka (KM/BAM), 1 € = 1,95583 KM (fest)
Preisrahmen Saz (Handarbeit) 200–600 KM (ca. 100–310 €), Stand 2025
Preisrahmen Šargija (Handarbeit) 180–350 KM (ca. 90–180 €), Stand 2025
Zauberwort beim Kauf domaći (einheimisch/handgemacht)
Einfuhr nach Deutschland Kein Zoll bei privatem Kauf unter 430 € Warenwert; kein CITES-Problem bei Standardhölzern
Transport Hartschalenkoffer oder Instrumentenkoffer empfohlen; Kabinengepäck möglich bei Kurzhalssaz
Flughafen Sarajevo (SJJ) Direktflüge ab Hamburg, Frankfurt, München; ca. 2 Std. Flugzeit

Jenseits des Instruments: Sevdah erleben, nicht nur kaufen

Wer einen handgefertigten Saz kauft, ohne Sevdah gehört zu haben — live, in einem kleinen Lokal, spät abends — hat etwas Wesentliches verpasst. Sarajevo bietet dafür mehrere Gelegenheiten: Die Baščaršija Nights im Juli sind der offensichtlichste Rahmen, aber die intimeren Konzerte im Kamerni Teatar 55 oder in kleinen Kafanas der Altstadt sind die eigentliche Erfahrung. Sevdah ist keine Bühnenmusik. Er entsteht in dem Moment, in dem Musiker und Publikum dieselbe Melancholie teilen — das, was die Bosnier sevdah nennen: eine Art liebevoller Traurigkeit, die sich nicht vollständig übersetzen lässt.

Ich habe 2024 in einem Lokal nahe der Seher-Cehajina-Brücke einen Abend erlebt, an dem ein älterer Saz-Spieler — er muss Ende siebzig gewesen sein — zwei Stunden lang spielte, ohne Pause, ohne Setlist. Das Publikum schwieg. Ich habe selten etwas Ähnliches erlebt. Der Saz, den ich danach kaufte, klingt seitdem anders.

Mein Fazit nach vier Bosnien-Reisen

Handgefertigte Sevdalinka-Instrumente sind einer der letzten echten Schätze, die Bosnien für Sammler bereithält — und einer der am wenigsten dokumentierten. Wer gezielt sucht, findet in Sarajevo und Mostar Meister, deren Arbeit museumswürdig ist und deren Preise noch immer weit unter dem europäischen Niveau liegen. Das wird sich ändern. Die junge Generation zeigt wenig Interesse an diesem Handwerk; die Meister, die ich kenne, sind alle über sechzig.

Meine Empfehlung: Planen Sie mindestens drei Tage in Sarajevo ein, gehen Sie in die Baščaršija mit dem Wort domaći saz auf den Lippen, und lassen Sie sich weiterleiten. Bosnische Gastfreundschaft öffnet Türen, die kein Reiseführer kennt. Und hören Sie Sevdah, bevor Sie kaufen. Das verändert, was Sie suchen.

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